Eine Familienangelegenheit

Painting ©reated by Nazim Mehmet

Hauptbahnhof Köln. 12:57 h. Gedränge auf Gleis 1. Der THALIS fährt ein.
An Kofferspalieren, Begrüßungssträußen und Abschiedsküssen vorbei geht eine Frau. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf die Ankommenden und ihre Schritte werden schneller, als sie hinter einer Gruppe wohlbehüteter Köpfe ihre Freundin Klara erkennt.
Paula ist neugierig, was Klara zu erzählen hat. Die Frauen verbindet seit Jahren eine enge Freundschaft und Paula weiß, dass diese Geschichte nicht in Paris beginnt, sondern bei Klaras Großeltern, bei Henriette und August und ihren vier Kindern.
Bei Gerhard, der später Klaras Vater wurde, Tante Elsbeth, die alle Else nannten, Tante Hilde, die eigentlich Hildegard hieß und Onkel Franz, über den niemand sprechen wollte.
Alles, was Klara bis zum Alter von zehn Jahren heraushören konnte, war, dass Franz nach dem Krieg nicht heimgekehrt war.
Sie wusste, er war mit Rosemarie verheiratet, einer Protestantin aus Ostpreußen und der gemeinsame Sohn hieß ebenfalls Franz.
Was aber genau geschehen war, wo sie denn geblieben waren, die Rosemarie und der kleine Franz, schien niemanden zu interessieren und wenn Klara fragte und die stummen Blicke sah, die die Tanten und der Großvater sich zuwarfen und ihr ein Gefühl gaben, als würde sie alle zu vergiften, dann wusste sie, dass es ihr strengstens verboten war, weitere Fragen zu stellen.
Das war die Antwort auf ihre Fragen.
Aber ihre Neugier und Sorge waren stärker als die Strategie des stummen Vorwurfs.
Ich stellte mir immer vor, hatte sie Paula erzählt, dass der kleine Franz bei uns wohnen könnte, und dass wir dann gemeinsam aßen und herum tobten.
Obwohl ich ihn nicht kannte, war er mir wie ein Bruder, und ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es ihm vielleicht nicht gutging.
Ich meine schlechter als uns, damals nach dem Krieg.
Sie sprach mit ihrem Vater und eines Tages fuhren die Beiden mit dem Auto nach Rheydt bei Mönchengladbach, um Franz zu suchen.
Sie hatten zwar noch keine genaue Adresse, aber Klaras Vater hatte herausgefunden, dass Rosemarie als Gefängniswärterin im Strafvollzug arbeitete.
Sie hatten in einem Gasthof übernachtet, und Klaras Vater machte sich sehr früh auf den Weg. Klara wartete gespannt. Kurz nach Mittag kam der Vater zurück.
Sie saß an einem runden Tisch und sah, dass die Tür aufging. Beinahe hätte sie sich richtig gefreut, aber ihr Vater kam alleine zurück. Er war traurig und verschlossen.
Er sagte, man hat mich nicht empfangen.
Ob er denn wenigstens den kleinen Franz gesehen habe, wollte Klara wissen.
Man hat mich im Treppenhaus abgefertigt, sagte er und nahm Klara in die Arme.
Wortlos fuhren sie durch den trüben Nachmittag.
Irgendwann hörte Klara, dass Rosemarie wieder geheiratet habe und in England lebte. In Gedanken sah sie den kleinen Franz irgendwo dort im Grünen herumspringen. Aber er bewegte sich immer so, dass sie sein Gesicht nicht erkennen konnte, und im Laufe der Jahre ging ihr das Bild verloren.
Fünfzig Jahre später erzählte eine Schulfreundin ihr beiläufig, sie habe in Caracas flüchtig einen Mann kennengelernt, der ihren Namen trug und Franz hieß, und plötzlich war er wieder da, der heftige Wunsch aus Kindertagen, und Klara macht sich erneut auf die Suche nach Franz.
Auf einem Monitor erscheinen sein Name, seine Adresse und seine Telefonnummer.
Sie ruft sofort bei ihm an.
Bist du vielleicht mein Cousin Franz....
Ich bin Klara....
Nein, du bist der Älteste von uns....
Das Foto kenne ich ....
Du meinst, es liegt an der Zeit, wenn Kinder so gucken?..
Es wurde ein langes Gespräch.
Klara erfuhr, dass Franz nie in England gelebt hatte, und dass Rosemarie wieder Witwe war und alleine in Süddeutschland lebte.
Franz wusste von den Tanten und den Großeltern nur so viel, wie seine Mutter zugelassen hatte.
Sie hat auch immer abgeblockt und wollte nichts mehr mit der Familie zu tun haben, sagte er.
Klara hatte Glück. Ein paar Stunden später, und sie hätte Franz nicht mehr erreicht. Er und seine Frau hatten gepackt und trugen die Koffer bereits aus dem Haus. Sie zogen nach Paris. Im Laufe ihrer Ehe hatten sie immer wieder ihr Bündel geschnürt und hatten in Amerika, Asien und Afrika gelebt. Es schien sie nirgendwo zu halten. Sie luden Klara ein, sie in Paris zu besuchen.
Ich freue mich, dass du wieder da bist, begrüßt Klara ihre Freundin.
Die Frauen haken sich unter und drängen sich durch das Gewühl auf dem Bahnsteig.
Und? Wie sieht er aus? will Paula sofort wissen.
Gut sieht er aus, lacht Klara. Er würde dir gefallen. Er ist groß, hat ein Grübchen im Kinn und fährt einen Jaguar.
Paula bleibt stehen und schaut sie fragend an.
Daran hast du ihn erkannt?, will sie wissen. Keineswegs. Aber ich musste lachen, denn es entspricht dem Tick der Männer in unserer Familie.
Behalt das lieber für dich, sonst klont VW bald gegen Mercedes!, meint Paula trocken.
Lass uns was essen gehen!, schlägt Klara vor, und ich erzähl dir, wie´s war.
Ich bin viel zu aufgeregt, meint Paula. Lass uns nach Hause fahren. Du erzählst und ich höre dir zu.
Wo soll ich anfangen?
Wie habt ihr euch erkannt?, fragt Paula erneut.
Ich glaube nicht, dass wir uns erkannt haben, sagt Klara. Wir hatten auch kein Zeichen verabredet. Wir wollten sehen, was passiert. Wir standen da, schauten uns abwartend um, sahen unseren kritischem Blick, lächelten uns unsicher an und gingen ebenso fragend aufeinander zu.
Ich glaube, die Unsicherheit war unser Erkennungssignal.
Als wir uns umarmten, habe ich es schmerzlich empfunden, dass man mir als Kind meine eigene Geschichte verweigert und gestohlen hat.
Ich frage mich, was gibt Erwachsenen das Recht, Kinder zu entmündigen? Ihnen den Mund zu verbieten. Was ist unpässlich an ihren Fragen? Sind sie uns die Antwort nicht wert?
Klaras Stimme wurde ungehalten.
Fragen werden gefährlich, wenn Angst und Unterdrückung den Alltag bestimmen, antwortet Paula. Kinder stellen in Frage, was Erwachsenen lieb und teuer geworden ist. Gewohnheiten, Vorurteile, Vorteile, Ängste.
Ich habe damals meine Tante angerufen, erzählt Klara weiter, und ihr gesagt, dass Franz und ich miteinander gesprochen hatten.
Mit welchem Franz?, fragte sie kühl und ich hatte das Empfinden, sie will Zeit gewinnen.
Nachdem ich ihr erklärt habe, dass Franz der Sohn ihres Bruders Franz ist, antwortet sie abweisend, das muss man erst einmal auf sich zukommen lassen. Kannst du dir das vorstellen? Inzwischen kann ich mir denken, warum es brenzlig wird, wenn ich von Franz spreche.
Paula reicht ihr die Schale mit Keksen.
Die Erbschaft wackelt, fährt Klara fort. Und bei der Größenordnung lohnt es sich schon, ein paar Sünden in Kauf zu nehmen, wenn man es denn katholisch nimmt. Rosemarie war übrigens auch in Paris.
Sag, bist du nicht zu müde, Paula?
Erzähl schon, sagt Paula und kocht Kaffee.
Stell dir vor, im Sommer schwingt sich die alte Dame gegen halb sieben auf ihr Mofa und knattert mit achtzig Jahren wohlgemerkt zum morgendlichen Seniorenschwimmen an den Chiemsee.
Hut ab!. meint Paula. Ich find´s prima, wenn die Alten noch was riskieren!
Sie ist überhaupt eine spannende Person. Onkel Franz hat sie in Preußen kennengelernt.
Sie war BDM-Führerin. Er leitete einen Gau, war Ordensjunker und strebte die Parteikarriere an. Sie sagt, er sei ein sehr sensibler Mensch gewesen, hätte wunderbar zuhören und reden können und sei deswegen von überall angefordert worden.
Wird dir dabei nicht unheimlich?, fragt Paula.
Doch. Aber gibt es in deiner Familie keine Nazis?, fragt Klara zurück. Oder konntest du dir die Familie aussuchen, in die du geboren werden wolltest?
Das Thema ist heikel, ich weiß, beschwichtigt Paula sie. Ich wollte nur wissen, wie du dich fühlst. Jetzt, wo du´s weißt.
Beschissen fühle ich mich. Meine Leute erkennen Gewalt als legales Mittel an, nehmen Mord anscheinend als Nebenwirkung hin, weil sie persönliche Vorteile haben und ich soll das toll finden?
Welche Vorteile?, will Paula wissen.
Wichtig sein. Im Recht sein. Macht haben. Macht ausüben. Macht schon verwegen, oder? Klaras Stimme klingt zynisch. Sie springt auf. Läuft auf und ab. Hin und her.
Hey, komm, lass gut sein, sagt Paula und nimmt sie fest in die Arme. War wohl alles ein bisschen zu viel, was? Lass uns spazieren gehen. Die Luft wird uns guttun.
Weißt du, sagt Klara, als sie schon einige Minuten schweigend nebeneinander hergehen und in die Nachmittagssonne blinzeln, manchmal habe ich Angst, dass mir das Gleiche passiert. Dass ich mich genauso verhalten könnte. Eine Scheißangst ist das. Und dann baue ich vor, will mich auf nichts mehr einlassen, was mir Freude machen könnte, mich ablenkt, verordne mir jegliche Form von Askese, nur um mir zu beweisen, dass ich gefühlsmäßig nicht erpressbar bin.
Engt ganz schön ein, wenn man immer den Ernstfall vor Augen hat, was?, fragt Paula.
Langsam verlerne ich die alten Gewohnheiten, antwortet Klara. Ich weiß, was mit mir los ist. Ich habe meine Wünsche mit den verbotenen Fragen von früher auf eine Stufe gestellt. Wenn ich mir nichts wünschte, konnte ich nichts falsch machen.
Auf die Idee, dass ich es lernen könnte, meine Wünsche klar auszusprechen, bin ich erst gar nicht gekommen, denn Wünsche zu verbergen, ist ein hartes Brot. Ich habe sie behandelt wie ungebetene Gäste, bin sogar so weit gegangen, sie abzugeben, sie der Obhut anderer zu überlassen und habe mich gewundert, dass niemand daran dachte, mich dafür zu loben.
Im Gegenteil!
Also bin dem Übel bis an die Wurzel gegangen.
Ich musste wunschlos werden. Könnte es darin zur Meisterschaft bringen, und dann wäre ich endlich wunschlos glücklich.
Klingt nach gefährlichem Hochseilakt, meint Paula.
Da oben ist ein richtiges Gedränge, meint Klara lachend. Rosemarie hat mir erzählt, wovon sie sich damals begeistern ließ.
Von allen guten Geistern verlassen, sagt sie heute.
Mein Vater war anders, sagt Klara. Wahrscheinlich einer der Wenigen, denen die Partei wegen Desinteresse gekündigt hat.
Hätten nur mehr Leute drauf kommen müssen, antwortet Paula.
Mein Vater hat erzählt, Franz sei ein Fanatiker gewesen. Und er war der Kirche versprochen. Ich habe Briefe gelesen, die sein Vater August, also mein Großvater damals an Rosemaries Vater geschrieben hatte. Er drückte seine Sorge um das zukünftige Paar aus und wegen der Zugehörigkeit des Fräulein Tochter zur protestantischen Glaubensgemeinschaft meldete er ernste Bedenken an.
Dabei war Franz als überzeugter Nazi zu dem Zeitpunkt schon längst aus der Kirche ausgetreten.
Und keiner in der Familie hat das gewusst? fragt Paula ungläubig.
Ich weiß es nicht.
Auf solche Fragen bekomme ich noch immer keine Antwort. Ich denke, alle haben es gewusst, aber jeder tat so, als ob der andere es nie erfahren dürfte.
Rosemarie hat mir erzählt, dass sie nach der Hochzeit zu Henriette fuhr. Die Frauen spazierten also über das Anwesen, unterhielten sich angenehm und fachsimpelten. Und jetzt kommt´s, hör zu, irgendwann öffnete Henriette ihren großen Wäscheschrank, holte einen seidenen Schlafanzug heraus und seufzte, warum hast du nicht den Gerhard genommen? Schau doch, was der für schöne Schlafanzüge hat!
War Franz schwul? fragt Paula.
Gegen Ende des Krieges gab es eine Anklage mit dem Vorwurf der Homosexualität. Er wurde verurteilt, das heißt, er wurde degradiert und in eine Strafkompanie versetzt und schrieb Rosemarie seinen letzten Brief. Sie hat ihn mir zu lesen gegeben.
So kann man wahrscheinlich nur schreiben, wenn man weiß, dass man nur noch vor die Tür gehen muss, und alles ist vorbei.
Und was war dann mit Rosemarie? fragt Paula.
Ihre Eltern wollten bis zu einer möglichen Rehabilitation nichts mehr mit Franz zu tun haben. In Folge dessen ging Rosemarie auch nicht mehr nach Hause.
Jetzt waren beide ausgestoßen, sagt Paula.
Du sagst es, antwortet Barbara.
Und wo ist der kleine Franz groß geworden?
Im Gefängnis, wo seine Mutter gearbeitet hat. Wenn sie auf Kommando waren, so hieß das, wenn eine Gruppe Strafgefangener für mehrere Tage zum Arbeitseinsatz auf´s Feld geschickt wurde, hat Franz immer mit einer Mörderin gespielt, und die hat regelmäßig das Frühstücksei für den Kleinen bei den Bauern organisiert.
Manchmal fühlte Rosemarie sich unsicher und hatte Angst um ihr Kind.
Aber das ist jetzt groß und lebt in Paris! sagt Paula.
Wenn er seine Zelte nicht wieder abbricht...

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