Die geordneten Verhältnisse der Lea B.

für Usia

Painting ©reated by Olga Kalashnikova

Als Lea Bromberg zu sterben kam, und das tat sie nur einmal und in geordneten Verhältnissen, wie sie es genannt hätte, bedeutete das für ihre Freunde, dass sie von nun an nie wieder Termine und Verabredungen mit dem Fremden wenig geläufigen Satz: „Ich muss zu Lea“, absagen würden.
Worte. Nichts als Worte.
In den frühen Morgen oder Abend gesprochen, in die auf- und in die untergehende Sonne, bei Schnee und Eisglätte, in sandroten Wind.
Lea kannte diese Worte und ihr gefiel dieser Satz.
Vielleicht war sie eitel, vielleicht versuchte sie nur, sich vorzustellen, wie dieser Satz von ihren Freunden gesprochen klingen mochte, denn er war nie an sie gerichtet. Außerdem liebte sie ihre Freunde nicht zuletzt des Wohlklangs ihrer Stimmen wegen, und sie war keineswegs abgeneigt, dieses auch zuzugeben. Aber Stimmen, die das Empfinden von Dornengestrüpp in ihr wachriefen, mied sie unauffällig.
Und weil dieser Satz nie in ihren Ohren geklungen hat, sucht sie in ihrem Gedächtnis nach verbliebenen Gesprächsfetzen, nach einem ich und zu und muss. Dabei weiß sie genau, dass es unmöglich ist, eine Stimme in der Erinnerung zum Klingen zu bringen.

Con Fermezza. Animato. Vivace.
Sie reißt die Saiten ihrer Harfe an und folgt den murmelnden Wassern in den wohl-riechenden Gärten der Alhambra, gleitet im patio de los arrayanes den Schwalben gleich ins Licht der untergehenden Sonne, spürt die Wärme der Lippen und den safranfarbenen Nasenbogen des Geliebten gegen einen nie wieder so seidenblauen Himmel. Ein Hauch von Jasmin hält diese Bilder noch einen Augenblick, bevor sie schmerzhaft und unausweichlich einem fahlen Grau zum Opfer fallen.
Aber sie setzt dagegen. Mit aller Kraft.
Langsam und bedächtig atmet sie tief und regelmäßig, sammelt das Blut in ihren Adern und spürt in diesem Aufbegehren, daß sie unwiderruflich keine andere Wahl hat, als diesen fragilen Gebilden ihren Körper und ihre Stimme zu leihen.
Sie muss die Rolle ihrer Freunde übernehmen. Nicht mehr Lea sein.
Sie muss es wollen und sich allen Wahrnehmungen und ihrem Empfinden überlassen.
Und der Fluss webt ihr ein Labyrinth, in dem sich Bilder von Cézanne, die Verse Musharrif ed-Din Saadis, das Rote Meer und das Hühnergegacker von Beersheba verfangen ...
Wie oft haben wir ihr zugehört, waren Teil ihrer Geschichten und bewegten uns in ihnen mit dem spielerischen Gleichmut von Kindern.
Folgten ihren geheimnisvollen Figuren tief in den Zauberwald.
„Lea, erinnerst Du Dich?“
Wir liegen auf dem großen Bett und schlürfen heiße Bouillon. Draußen stürmt und regnet es wie für den fliegenden Robert.
„Ich liebe diesen Wind. Soll er doch pfeifen und heulen! Ich fühle mich doppelt gut!“ lacht sie und schauert sich wie ein ängstliches Kind.

Ein anderes Bild steigt vor mir auf:
Lea im Chaos der Geschichte.
„Soll das mein Grund sein, am Leben zu verzweifeln?“ fragte sie mich eines Nachmittags verloren zwischen Kartons und Kaffeetassen sitzend.
„Ich schaffe es nicht, mich auf Himmel-Hölle-Fragen `bin ich glücklich? - bin ich’s nicht?´einzulassen. Mein Herz macht das nicht mit.
Ich spür's genau. Ein Aussetzer, bliep - bliep -piiiiii. Monitor aus und Adieu Lea. Meinst du, ich hätte mein Glücklichsein nie empfunden? Es nie vermisst? Die Erinnerung daran nicht tief in meinem Herzen beschützt?“
Sie weinte.
Es gab nichts, was sie dieser Betroffenheit entgegensetzen konnte.
Doch schon wurde ihre Stimme wieder hoffnungsvoll wütend: „Ich bin nicht hier, um mich ungeschoren davonzuschleichen oder wie ein Knecht zu sterben. Ich will frei sein. Auch im Tod.
Voller Hoffnung will ich weiterleben in neuen Träumen. ...“

„Ist hier ein Virus auf der Platte?“ hatte sie den Moderator angefaucht, der mit dieser Frage nach ihrem persönlichen Glückszustand das Gespräch zu dem Themenkreis `Psychosoziale Kompetenzen: Frauen und ihre politische Verantwortung´ einleiten wollte.
„Sehen Sie hier eine lila Kuh? Oder ist das jetzt der totale Absturz?“
Bevor die Regie sie endgültig ausblenden konnte, hörten alle ihre klare, feste Stimme: „Solange ich von Menschen weiß, die gequält und verfolgt werden, weigere ich mich, diese und ähnlich formulierte Fragestellungen zu beantworten, denn nach bestem Wissen und Gewissen und den Zuständen weltweit kann die Antwort nur ein kategorisches ´Nein` sein. Warum also dem lieben Gott oder mir die Zeit stehlen?“
Das saß. Am nächsten Tag stand es in den Gazetten.
Eine Lawine, fragst Du?
Eine Flut von Lawinen folgte.
Christliche und unchristliche Vereinsabgeordnete rangen nach Worten. Tendenzexperten eilten geölt und gepudert auf improvisierte Bildflächen, um ihre Abtrünnigen in letzter Minute zurückzupfeifen.
Alle Welt kommentierte, soufflierte, opportunierte.
„Das ist die plaza“, sagte sie. „Du mußt schon verdammt wach sein, wenn du in der arena dem Stier nicht in die Hörner fallen willst.“

Lea.
Wir nahmen Abschied von ihr. Lea nahm Abschied von uns: „Seltsam, wie sich alles neu ordnet“, flüsterte sie und nannte uns Sterntaler.
Es gibt keinen Grund, an Leas Geschichten zu zweifel und nicht den geringsten Verdacht, dass sie vielleicht durch die ihr eigene Art des Erzählens ein Gefühl von Stärke oder Schwäche beim Zuhörer hervorrufend, diesen in die Irre zu lenken dachte und einen persönlichen Vorteil daraus zu ziehen bereit gewesen wäre oder möglicherweise einen solchen Vorteil als willkommenes, nicht vermeidbares Ergebnis ihrer Erzählkunst angesehen hätte. Auch kann ich mich an keine Begebenheit erinnern, die den Stempel eines fürderhin besonderen Menschen gerechtfertigt hätte.
Sie trug die Namen, die man ihr gab. Aber die Sprache, in deren Bildern und Klängen sie zu sich selbst und ihrer Welt Vertrauen gefasst hatte, musste sie wegen eines nicht von ihr verursachten Krieges aufgeben.
Und nicht nur die Sprache musste sie aufgeben.
Es waren die Bilder ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft, die sie hinter sich lassen musste. Unerbittlich und unwiderruflich wurde sie aus ihnen hinausgejagt, obwohl sie sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, was einen derartigen Eingriff in ihr Leben jemals hätte begreiflich machen können.
So entrechtet, sollte sie von nun an nichts als ihr Leben retten, in Sicherheit bringen, was um den Wert ihrer selbst beraubt war.
Und auch dieses bis zur Beschämung gestutzte Leben war man bereit gewesen, ihr zu nehmen.
`Tod durch Erschießen´. So hatte das Urteil des Kriegsgerichts für sie und ihre Freundin gelautet. Gemeinsam waren sie aus dem Lager ausgebrochen und hatten sich auf die Suche nach dem Rest ihrer versprengten Familien gemacht.
Die Freundinnen verabschiedeten sich mit einem `bis gleich, wir sehen uns im Himmel.´
Eine Verabredung, die Lea nicht einhielt, weil der Ordnung halber in alphabetischer Reihenfolge erschossen wurde und sie kurz vor dem Aufrufen ihres Familiennamens einen plötzlichen Fliegeralarm ausnutzte und durch die brennende Stadt floh ...

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