As time goes by

Painting ©reated by Gisela Brunn

„Warum?“ fragt Roberta verunsichert.
„Gegenwind“, lautet die Antwort der Frau an der Information.
„Und wann soll das Flugzeug ankommen?“
„Mir liegen keine Angaben zur voraussichtlichen Ankunftszeit vor“, sagt die Frau, „tut mir leid.“
„Danke.“
Blass wendet Roberta sich ab. Inmitten all der Vorbeieilenden, die wie ein Feuerwerk auseinanderstieben, suchen ihre Augen mühsam einen Punkt im Raum, an dem sie sich festhalten kann.
Zweiundzwanzig Uhr.
Beiläufig akkommodiert sie sich. Ungeschickt. Auf einem schwarzen Sessel. Wischt Schweißperlen. Unauffällig. Von der Stirn. Angst ist wie eine Sperrvorrichtung, die endgültig greift. Und sie spürt, wie ihr die Hände gebunden sind und es ist, als ob eine gläserne Kuppel auf sie herabsänke und ihr jedes Empfinden nähme. Und sie wird unsicher, weiß nicht mehr, ob sie am richtigen Ort oder gar auf die richtige Person wartet.
Im Frühling kam sie damals nach London.
Sie und Eduardo hatten sich verabredet. Für alle Fälle.
Buenos Aires - Marble Arch. Das Zittern. Stunde um Stunde. Jede Minute, bis in den Sommer. Dann bricht sie zusammen.
Eduardos Foto reiht sich in den gespenstischen Zug der stummen Mütter um die Plaza de Mayo.

Roberta kann nicht warten.
Auf dem schwarzen Sessel sitzend überquert sie bereits von Kenia kommend die Landesgrenze nach Tansania, lässt sich auch dieses Mal nicht von der starren Unfreundlichkeit der Grenzsoldaten beeindrucken und fährt die einzige, schottergrobe Straße kilometerlang und schnurgerade in den akaziengesäumten Mittagshimmel hinein bis zu ihrem Ziel am Rande des tropischen Regenwaldes, wo sie auch in der Erinnerung den Wagen im Schatten eines ihr noch immer unbekannten Strauches abstellt und aussteigt.
Hinein in dieses Flirren von Tönen und Geräuschen! Hinein in die feuchte Wärme und hinein
in die grünblaue, düfteschwere Luft! Und wie sie sich jetzt langsamer als sonst vom Wagen löst, könnte man annehmen, sie sei erschöpft von der Reise, während sie sich Zeit lässt, in der all das, was sie sich nie zu eigen machen wird und dennoch nie wieder verlieren möchte, seinen Platz finden soll.
Mit einer angemessen Selbstverständlichkeit schlägt sie jetzt die Wagentüre hinter sich zu und folgt ihren Begleitern die wenigen flachen Stufen hinauf durch zwei dunkle, sich sanft auseinander schiebende Glasflügel in die wohltemperierte Halle eines im höchsten Maße ästhetischen Gebäudes.
Nach ersten Schritten auf dem spiegelblank polierten Mahagonifußboden hält sie verwirrt inne.
Kein Geräusch zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich, und die Augen finden sich in dem Dunkel nicht zurecht. Einem Vogel gleich fliegt ihr Blick ins Helle, prallt gegen das Panzerglas am anderen Ende der Halle, fällt atemlos aus dem Blau des Himmels an den bizarren Kronen der Bäume hinab in einen Lichtkegel und schlittert zurück bis zu ihren nackten Zehen, modisch fleckenlos gestiefelt in der Ankunftshalle des Frankfurter Flughafens.
Wagen.
Parkhaus.
Friseur.
Wohnung.
Wäsche.
Aufgeräumt.
Sein Schreibtisch nicht.
Blumen.
Keine Gäste...
Zweiundzwanzig Uhr.

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